Die Goldvögel - Welch ein Fest

Welch ein Fest

Die Goldvögel
Aquarelle von Dorte Klingberg-Nielsen

Der 1. Adventsonntag ist dieses Jahr zugleich der internationale World AIDS Tag. An diesem Tag werden die zahlreiche Verstorbenen von AIDS in Erinnerung gebracht. Für Heilung und für eine Zukunft ohne HIV und AIDS wird gebetet.

Die Uraufführung von dem neuen Weihnachtsoratorium "Welch ein Fest" ist gleichzeitig das Debut des neuen Ensembles "Die Goldvögel". Vier Künstler aus vier Weltgegenden haben ihr Nest in Berlin gefunden. Der Amerikanische Kontratenor Daniel Gundlach, der dänische Tenor Mads Elung-Jensen, der griechische Bariton Athanasios Pogkas und der deutsche Akkordeonist und Sänger Dirk Rave.


Wolfgang Homering konzipierte verbindende Texte, die die Stimmung der Musik aufgreifen und weiterleiten.

 

Hier mein Weihnachtsmärchen, das die Entstehung der Goldvögel beschreibt:

 

Welch ein Fest – Ein Weihnachtsmärchen

Von dem guten alten Tenor


Es war ein kalter Dezemberabend, der gute alte Tenor sass in seiner Wohnung auf der 11. Etage in Berlin und schaute über die schneebedeckten Dächer der Stadt. Die Fenster waren alle in südlicher Richtung, und obwohl er sehr weit schauen konnte, war es ihm doch unmöglich zu seinem alten Wikingerland zu sehen, zu seiner grossen Familie, zu seinen alten Freunden und Kollegen. Warm war es in der Wohnung, und viele gute neue Freunde hatte er in Berlin, aber er liebte ja so sehr alle die, die er so lange kannte und ihm plötzlich so fern schienen.

 

Statt nach aussen versuchte er dann nach innen zu schauen, und siehe da, in seinem Herzen waren sie alle so lebendig bei ihm, als ob sie im Wohnzimmer sassen. Selbst seine alte liebe Grossmutter, die längst hinüber gezogen war, sass da und lächelte ihn an. Eine warme Stille füllte ihn, als er froh jeden einzelnen seiner Lieben grüsste. Und in der Stille hörte er die köstlichsten Klänge spröder Herrenstimmen sich nähern. Er stellte seinen inneren Kanal schärfer ein, der Klang war das grosse Weihnachtspotpourri der Drei Tenöre, die Gruppe, die er hatte verlassen müssen, als er ins Ausland reiste.

 

Das Potpourri war, fühlte er, gleichzeitig eins der schönsten und der lustigsten Müsikstücke, die er je gesungen hatte. Die schlanken Stimmen berührten neckend einander in dichten ungewöhnlichen Harmonien, manchmal ruhig und ätherisch, manchmal schnell und lustvoll, an auserwählten Stellen mit kraftvollem männlichem Testosteron gewürzt. Neue überraschende Weihnachtswerke folgten einander, er gluckste über die Freude des Publikums, wenn es etwas hörte, das es wohl kannte aber jetzt in einem ganz unerwarteten Zusammenhang. Als die Stimmen sich am Ende in einem warmen Dreiklang vereinten, brach das Publikum begeistert in brausendem Applaus aus. Es war für wahr Weihnachten geworden.

 

Weihnachten, ach ja, dachte der gute alte Tenor. Das ist eine Zeit in der so viele Herzen sich sehnen. Das ganze Jahr hindurch kann man so viele Gefühle einsperren, aber so bald die erste Adventskerze angezündet ist, will das innere Kind zum Fest und wie oft wird es nicht enttäuscht. Es gibt sogar Leute, die aus Angst davor, in dieser Zeit enttäuscht zu werden, ihre inneren Kinder noch härter einsperren und sie dann, wenn Kinder versuchen auszubrechen, beinahe in Lärm und Stress oder in noch stärkeren Sachen ertrinken. Er selber war immer am glücklichsten, wenn er die ganze Weihnachtszeit hindurch singen durfte. Der Gesang, die Weihnachtstexte und die Musik waren für ihn der Inbegriff der Weihnachtsfreude.

 

Seine Gedanken strömten weiter und er dachte an die vergangene Berliner Zeit. Wie viel war wohl passiert! Eine lange Krankheitsperiode war endlich abgeschlossen, seine Kräfte zurückgekommen und er schäumte beinahe über von lauter Lebenslust und Tatendrang. Wenn er sich auch keineswegs die Krankheitszeit zurückwünschte, war er in einer verwunderlichen Weise voller Dankbarkeit, dass er sie hatte erleben dürfen. Hilfe hatte er gebraucht und Hilfe war gekommen.

 

Oft hatte er seine besten Momente gehabt wenn er anderen geholfen hatte, das war ihm immer leicht gefallen, aber es war ihm immer schwerer gewesen selber um Hilfe zu bitten. Warum denn? hatte er sich gefragt. 'Nur ein Feigling traut sich nicht um Hilfe zu bitten' hatte er dann irgendwo gelesen, ein Satz, der ihn erst mit Staunen und dann mit Klarheit gefüllt hatte. Natürlich gab es viel, wovor er Angst hatte, aber wenn seine Angst vor Ablehnung grösser als seine Liebe zu seinen Nächsten war, dann wär er wirklich ein tönender Erz oder eine klingende Schelle.

 

Er hatte dann gedacht, na, du guter alter Tenor, ein Spielkind warst du ja immer, spielen wir ein Spiel. Drehen wir es alles um, du warst immer so glücklich wenn du andren halfst, vielleicht wurde dir immer geholfen, deine schönsten Seiten zu zeigen, dein Mitgefühl und deine Liebe, wenn du helfen durftest. Helf nun den andren dadurch dass sie dir helfen. Na, lustig, dachte er. Ich fange mit einigen Kleinigkeiten an, dann, wenn man nein sagt, werde ich nicht so traurig sein, dass ich mich nicht traue fortzufahren. Und so viel brauche ich ja auch nicht. Oft reicht es an sich zu merken, dass die, die ich liebe an mich denken und mir das beste wünschen.

 

Na ja, aber wenn ich ziemlich lange schwach und krankgeschrieben sein werde und kein Geld verdiene, gibt es in der Tat auch praktische Sachen, wo es fein wäre Hilfe zu bekommen. Kann ich Freunde um Geld bitten, wenn ich keine Ahnung habe, ob oder wann ich es zurückzahlen kann? dachte er und schauderte. Hmm, was hast du selber getan? Du hast immer Beträge geben, die du bereit warst zu verlieren, das könnte auch den anderen Weg gelten. So er bat bei Bedarf um ein wenig hier und dort, um das eine und das andere, viele sagten ja, andere sagten nein. Und es war genau wie es sein sollte. Er sagte auch selber nein, wenn das worum er gebeten wurde nicht passend schien, wenn er es nicht geben konnte oder wollte. So einfach war es eigentlich. Lustig. Er spielte sich durch seine Krankheit und freute sich über all die Menschen denen er geholfen hatte, damit sie ihm halfen.

 

Es machte trotzdem viel mehr Spass fit und frisch zu sein. Man konnte auf so viele andere Weisen Spass haben. Und plötzlich fiel es ihm ein: Ich gründe ein neues Ensemble und schreibe ein Weihnachtsoratorium. Unser altes Weihnachtspotpourri wird die Grundlage und der Rest kommt von selber. Dann helfe ich, mir wird geholfen, ich schreibe und dichte, singe und arbeite mit lieben Kollegen, die ich irgendwie finde. Wie schön es wird. Welch ein Fest. Ha. Ich nenne mein Weihnachtsoratorium Welch ein Fest! Und im Laufe des Frühlings dachte er Gedanken, und teilte seine Gedanken mit den klügsten Köpfen und den wärmsten Herzen Berlins. ’Willst du mir helfen?’ fragte er. Das wollten sie gern. Literaten, Pfarrer, Verleger, Graphiker, Fotografen, Komponisten. Alle waren mit Rat und Tat dazugestossen, keiner bekam dafür Geld, aber Spass hatten sie. Das geht nur dieses Jahr, dachte er, aber es geht!

 

Er war einmal früher sehr krank gewesen, tatsächlich trug er immer noch diese chronische Krankheit, die man HIV nennt. Die hatte er mittlerweile seit 30 Jahren. Seit vielen Jahren war aber alles unter Kontrolle, und in der Regel dachte er nicht so oft daran. Er erinnerte sich aber sehr gut an die alte Angst, wie traurig er einst gewesen war und an die dunklen Stunden wo er es

nicht so leicht wie jetzt genommen hatte und wo er in der Musik so viel Trost gefunden hatte. Und er wusste dass für viele war es viel schwerer damit umzugehen als es für ihn heute war. Wenn diese neue Krankheit, Hepatitis C, Leberentzündung, die HIV und AIDS der bösen alten Tage so ähnlich ist, und die nun weg ist, für mich einen Sinn machen soll, dann werde ich mir selber weiterhelfen damit ich anderen helfe, die in dieser Zeit die Trauer heftiger spüren als sonst.

 

Es wurde verabredet dass Welch ein Fest am Welt AIDS Tag selber, am 1. Dezember in der Marienkirche in Berlin uraufgeführt werden sollte. Das war dieses Jahr der erste Adventssonntag, das Fest des Lichtes. Alle Einnahmen würden direkt zur Arbeit der KIRCHE PositHiv gehen. Und sofort weiter zu drei Aufführungen in seinem geliebten Kopenhagen, wo 20 % der Einnahmen zur Arbeit des nationalen AIDS-Fonds fliessen würden. Er organisierte auch eine Weihnachts-Party für die vielen, die mit dem 'normalen' Weihnachten Probleme hatten, mit der reizenden Hostess Destynee. ”Feiere Weihnachten mit deiner logischen Familie, bevor deine biologische deine Anwesenheit verlangt!” war ihr Slogan. Billig würde es sein, alle die gerne kommen wollten sollten es können aber da kassieren wir alle Einnahmen, denn in der Weise geben wir immer was passend ist und vielleicht würde er auch seine eigenen Rechnungen bezahlen können. Es macht zwar Spass um Hilfe zu bitten, aber es ist auch ganz in Ordnung sich selber helfen zu können.

 

Die Gruppe, die sich um ihn formierte, hatte er weniger ’gesammelt’, als das sie ihn gefunden hatte. Ein Amerikanischer Kontra-Tenor, ein Griechischer Bariton und sein guter Freund und Begleiter, der Deutsche Dirk, der nicht nur wunderbare Klänge aus seinem Akkordeon rauszauberte, er komponierte, arrangierte und sang sogar auch. Kecke Burschen voller Musik und mit den Herzen am richtigen Ort. Eine Freundin seiner Mutter hatte ihm eins ihrer Kunstwerke geschenkt, ein Aquarell mit vier singenden goldenen Vögeln. Wir nennen uns 'Die Goldvögel' sagte er sich. Er prüfte nach, der Name gehörte niemandem. Nur in einem Roman eines jungen Hamburger Autors David Perteck 'Im Zauberkreis der Dämonen' waren die Goldvögel erwähnt, als die stärkste Waffe gegen böse Mächte. Nichts wäre passender, dachte er, das ist genau was unser Gesang sein soll.

 

Lachen und Weinen liegen im Zwerchfell versteckt, dachte er technisch, berühren wir es schön und ehrlich bei uns selbst, berühren wir auch unser Publikum. Noch eine Idee kam gestürzt, Welch ein Fest heisst es. Ach ein dänisches Lied heisst auch Welch ein Fest. Er untersuchte die Sache, auf Deutsch gab es das Lied auch. Es war sogar sehr bekannt unter dem Namen Schöne Maid. Bei weiterer Forschung zeigte es sich, dass die Melodie in Wirklichkeit ein tahitianisches Volkslied war. Daher die Kraft und der Appell, dachte er. Ich schreibe einen Psalm... Ha, sagte er, Nonsens mit Niveau ist der reinste Nektar. Die lachen vor Weinen und alle Kinder sind glücklich. Er machte seine Maschine auf und das Fest fing an.

 

Welch ein Fest

 

Welch ein Fest feiern wir heute Nacht

HallelujaAmen

 

Gott gab die Macht zum Kind vom Geiste gebracht

sie singen HallelujaAmen

 

Welch ein Fest feiern wir heute Nacht

HallelujaAmen

 

Hirten erwacht von Engeln oben mit Pracht

sie jubeln HallelujAmen

 

Welch ein Fest feiern wir heute Nacht

HallelujaAmen

 

In einem Stall so klein

sass eine Jungfrau rein

im Bauch ein Kindelein

die Herberg sagte nein

 

die Krippe war nicht weit von hier

und plötzlich sagte Christ zu ihr:

 

Welch ein Fest feiern wir heute Nacht

HallelujaAmen

 

Es gibt eine Pacht, die Sünden nehm ich, gib Acht

mit einem HallelujaAmen

 

Welch ein Fest feiern wir heute Nacht

HallelujaAmen

 

Wunder vollbracht, der Tod ist tot heute Nacht

so singe HallelujaAmen!!